Großartige Rezension für ‚Woodstock in Timbuktu‘

Freude und Trauer, von jury (auf Amazon)

Ein Dokumentarfilm über ein Festival in der Wüste? Natürlich erwartet und erhält man Auftritte der teilweise inzwischen weltbekannten Gruppen, die in ihren Liedern stolz die alte Kultur der Tuarek vorstellen, aber auch engagiert für ihre Lebensrechte eintreten. Bekannt wurde der „Wüstenblues“-Gitarrist Ali Farka Touré, dessen 1995 mit Ry Cooder eingespieltes „Talking Timbuktu“ den Grammy als „Bestes Weltmusikalbum“ gewann.

Desirée von Trotha möchte aber mehr erreichen, als „nur“ zur Popularität dieser faszinierend weiten und elegischen Ethno-Musik, in der man die Unendlichkeit der Wüste und den gewaltigen Fluss des Nigers zu erkennen glaubt, beizutragen.

Sie möchte ein Zeitdokument zeichnen, in der die Situation des Volks, das sie mit weiten Armen aufgenommen hat und dem sie sich zugehörig fühlt, deutlich wird. Deutlich sollte dies insbesondere in den Ländern werden, die direkt oder indirekt daran beteiligt sind, aus Gier auf Bodenschätze und aus geostrategischen Überlegungen eine Jahrhunderte alte und nachhaltige Kultur zu vernichten. Darauf wird weiter unten noch detaillierter eingegangen.

Das dritte Anliegen des Film brauchte nicht extra erwähnt zu werden – es wird dem Betrachter schnell bewusst, mit welchem Stolz die Schönheit der Wüste und ihrer Bewohner in Harmonie mit ihrer charakteristischen Musik festgehalten und präsentiert wird.

Das von den Kel Tamaschek, wie sich ein Teil der Tuarek nennt, traditionell genutzte Gebiet erstreckt sich über die Südhälfte Algeriens, die westliche Region Libyens, die nordwestliche Hälfte des Niger und den gesamten Norden Malis. Dieses Volk kann auf eine lange Tradition zurückblicken – sie haben über Jahrhunderte bewiesen und inzwischen ist auch vielen hier bewusst, dass ihre Art der Viehwirtschaft im Gegensatz zu jeder Form „moderner“ Landwirtschaft unbestreitbar als nachhaltig einzustufen ist.

In der Vergangenheit entfachten sich immer wieder Auseinandersetzungen zwischen den eher hellhäutigen Nomaden und den sesshaften, schwarzen Bewohnern der umliegenden Regionen. Wenn man die Rassen-Unterschiede, die unverträglichen Bewirtschaftungskonzepte und die heutige nationalstaatliche Struktur bedenkt, kann man sich nur wundern, dass es immer wieder auch friedliche Zeiten gab. Wobei bewaffnete, marodierende, mafiöse Banden, teilweise ultrakonservativ-religiös verbrämt (Salafisten) jederzeit mitmischten und ihre eigenen Geschäfte betrieben.

Darüber zeichnet der Film ein subjektives, aber naturgemäß auch recht authentisches Bild durch zahlreiche Statements örtlicher „Offizieller“, vor allem aber vieler politisch engagierter Musiker. In ihrem jährlichen Friedenstreffen, das inzwischen zu einem international beachteten Musikfestival gewachsen ist, sehen die unterschiedlichen Interessengruppen ein Symbol des Friedens und eine Chance, zu einer gemeinsamen Stimme für ihre Lebensrechte zu finden.

Desirée von Trotha hielt das von den Kel Tamaschek jährlich ausgerichtete „Festival au Désert“ im Januar 2011 fest. Wer könnte das besser? Seit zwei Jahrzehnten lebt sie sechs Monate im Jahr bei den Tuareg.

„Im Film geht es um die Musik der Kel Tamaschek … um Musiker und Poeten, die Macht der Frauen, Kamelhirten, Ex-Rebellen, Drogenschmuggler und die drohende Gefahr durch militante Salafisten des saharischen Arms der al-Qaida. Viele Interviews wurden nicht auf dem Festival selbst, sondern unauffällig – „in einem 3-Mann-Team“ – während einer weiteren Reise der Regisseurin durch die Krisengebiete aufgezeichnet.

Nur am Rande fallen dabei auch Bemerkungen zur al Qaida und zu geopolitischen Spannungen. Aber wer den Dauerkrieg der USA um die Beherrschung der Welt verfolgt hat, kann sich auch so denken, dass gerade diese rohstoffreiche Region besonders umkämpft wird.

China bezog bereits 2006 rund 30% seines Rohöls aus Afrika. Dabei drängte dieses exportstarke Land mit großzügigen und auflagefreien(!) Dollar-Krediten IWF und Weltbank – damit die USA! – aus den Machtpositionen. November 2006 lud Peking zu einem Gipfeltreffen, an welchem 40 afrikanische Regierungschefs teilnahmen – darunter Algerien, Nigeria und Mali, womit wir im Gebiet der Tuarek gelandet wären.

Als Gegenstrategie wurde 2007 von Bush/Cheney das Africa Command (AFRICOM) eingerichtet. Ziel ist die Errichtung von Allianzen mit Militärs in 53 afrikanischen Ländern.

Dort, wo finanzielle Gewalt und Drohgebärden nicht ausreichen, greifen die USA ebenso stereotyp wie erfolgreich auf die militärische Übernahme von Staaten durch „Befreiungskriege“ zurück. In den Zielregionen Vorderasien und Afrika finden sich ja stets gewaltbereite Salafisten. Denen stellt dann die CIA die einst von ihr in Afghanistan gegründete, bestens trainierte und ausgerüstete al Qaida „zur Seite“, liefert Waffen und Ausrüstungen sowie die erforderlichen Kredite. Wir Europäer könnten das noch vom Albanien-Krieg kennen – aber natürlich zeichnen die fest in der Hand von US-Diensten befindlichen großen Agenturen ein völlig anderes Bild, wie man gerade anhand von Syrien sehen kann. Zur Zeit liegt der Fokus der US-Interessen im Sudan, wo man gigantische Erdölvorräte vermutet – was nicht bedeutet, dass man die Sahara-Staaten aus den Augen verliert. [2]

Natürlich mischen in Mali aber nicht nur die Chinesen und die USA auf. Am 11. Januar 2013 läutete Atomfan Präsident Hollande einen „Krieg gegen den Terrorismus“ in Mali ein. Logischerweise weiß man in Paris, was in der einstigen Kolonie wirklich läuft.

Im Frühjahr 2013 hat die französische Regierung einer Zusammenarbeit zwischen dem französischen Stromkonzern EDV, dem Atomspezialisten Areva und dem chinesischen Nuklearlieferanten CGNPC zugestimmt. Ferner hat das kanadische Unternehmen Rockgate ein Recht zur Exploration des Untergrundes von Mali erhalten – man rechnet dort mit 12.000 Tonnen Uran in der Region von Faléa – der immerhin vierfachen Menge dessen, das AREVA in Niger (Arlit) fördert. [1]

Wenn man bedenkt, dass dieser Films gerade mal eben 180.000 € gekostet haben soll, erwartet man vielleicht eine technisch billig erscheinende Produktion – das Gegenteil ist der Fall: An Bild und Ton gibt es nichts auszusetzen, die teilweise „handgemachte“ Grafik-Animation passt vorzüglich, Kameraführung und Schnitt nehmen die Ruhe der Musik auf.

Vielleicht hätte man sich mehr trauen sollen, was den Sound der Gigs angeht – ich vermute mal, dass das vor Ort deutlich weniger „wohnzimmergerecht“ geklungen hat.

In manchen Bildern kann man geradezu baden, so schön sind sie. Man würde sich wirklich wünschen, dass die Nachfrage nach „Woodstock in Timbuktu“ auch eine Blu-ray – Ausgabe wirtschaftlich erscheinen lässt. Leider findet man im Abspann keine technischen Informationen, aber die für DVD schon vorzügliche Qualität lässt hoffen, dass die Aufnahmen und die Postproduktion digital in HD erfolgt sind.

Unter dem Strich vermitteln die Macher ein sehr persönliches Bild von Menschen, die ungeachtet des kurz bevorstehenden nächsten Krieges immer noch eine positive und optimistische Einstellung zum Leben bewahrt haben. Wenn man sieht, wie umfassend auch dort schon Plastik und damit die durch Weichmacher verursachte Unfruchtbarkeit künftiger Generationen Einzug hält, könnte man verzweifeln. Denn während wir mehr oder weniger verdient an unserer eigenen Unkultur zugrunde gehen, können die Menschen in Afrika eigentlich überhaupt nichts dafür – weder für die Verseuchung der Welt durch die Industrienationen noch für die Hegemonialkriege der Großmächte.

Jenseits all dieser Tragik ist „Woodstock in Timbuktu“ aber nicht zuletzt auch ein Film zum Schwelgen und Entspannen. So triftet die Stimmung indifferent zwischen Freude, Bewunderung und Trauer um den Abgesang eines stolzen Volkes.

film-jury 5* A1193 2.2.2014 ABR 42.327 Rezensionsexemplar Genre: Dokumentation

[1] Nathalie Roller, 14.3.2013, Telepolis

[2] William Engdahl, „China in Gefahr“, Januar 2014