4 Sterne von Jury bei Amazon

Himmelsstürmerinnen: „Himmelsstürmerinnen“ wurde geschrieben, „um Frauen zu inspirieren“ – auch, wie die Verlegerin betont, um neue Wege heraus aus der anachronistischen Fixierung auf Neid und Wettbewerb zu zeigen. Im vorliegenden Band geht es um Medien-Frauen, geplant sind weitere Bücher über Frauen in Justiz und Medizin.

Die Journalistin Anne Siegel portraitiert zu diesem Zweck 10 Frauen:  … mehr

– die Stuntfrau und Schauspielerin Tanja de Wendt
– die Gynäkologin Monika Hauser, die ein Hilfwerk für vergewaltigte Frauen errichtet hat
– die Zeitschriften-Verlegerin Katarzyna Mol-Wolf
– Meike Winnemuth, Journalistin, die eine halbe Million gewann und die Welt bereiste
– die Regisseurin Désirée von Trotha, die das halbe Leben bei Sahara-Nomaden verbringt
– Carolin Genreith, der wir den Dokumentarfilm Die mit dem Bauch tanzen“ verdanken
– „Emma“ Alice Schwarzer, militante und wirtschaftlich höchst erfolgreiche Feministin
– Elisa Klapheck, die erst fünfte Rabbinerin weltweit
– die „Piraten“-Politikerin Anke Domscheit-Berg
– die Entertainerin Maren Kroymann

Im Eifer des Gefechts verliert man leicht den klaren Blick. Anne Siegel gelingt es in vielen Beiträgen, ihre kämpferische Einstellung nicht störend in den Text fließen zu lassen. Das ist gut so – denn genau in überzogener Polarisierung liegt eine wesentliche Quelle von Unzufriedenheit, gerade bei Frauen, denen eingeflüstert wurde, dass es an ihrem Geschlecht läge, wenn nicht alles wie von selbst läuft.

Der Rezensent ist weißhäutig, intelligent, deutschstämmig, heterosexuell, alt und männlich. Langjährige Erfahrung damit, keine gesellschaftliche Lobby hinter sich zu wissen, liegt also vor. Oft ist es aber auch einfach ein gutes Gefühl, bei Erfolgen sicher sein zu können, dass man diese ganz gewiss nicht einer Quote oder einer mehr oder weniger verfehlten „Politischen Korrektheit“ verdankt.

Allerdings wird man auch so langsam allergisch gegen die Grabenkämpfe von Lobbyisten aller Art, die für „ihre“ Clientel gewöhnlich bei weitem mehr „rauszuholen“ versuchen, als ihr nach Adam Riese zustehen sollte.

Maß und Ziel sind zunehmend angesagt. Gesellschaftlich hätte eine sachlichere und seriösere Kämpferin für Gleichberechtigung womöglich mehr bewirkt als eine häufig überziehende, sogar hetzerische und oft bis zur Peinlichkeit polemische Alice Schwarzer. Ob es eine gute Wahl war, ausgerechnet Frau Schwarzer zur Zeit ihres großen Steuer-Skandals den größten Raum in diesem Buch zu widmen, wage ich zu bezweifeln. Aber vermutlich war die Autorin gerade dadurch motiviert, das angeschlagene Image ihrer langjährigen Freundin aufpolieren zu können.

Andere Viten lesen sich hingegen durchaus spannend. Mich hat die Idee einer mentalen Körperlichkeit bei Tanja de Wendt fasziniert. Ich war beeindruckt von dem gewaltigen Apparat, den Monika Hauser zur Unterstützung vergewaltigter Frauen aufbauen konnte. Die Risikobereitschaft der „emotion“-Verlegerin Mol-Wolf, sich in diesen für Print-Medien nicht gerade leichten Zeiten kopfüber in ein solches Projekt zu stürzen, lässt mich immer noch fassungslos staunen.

Meine persönliche Sympathie gilt allerdings Meike Winnemuth, die nach ihrem Jauch-Gewinn mit einer originellen Weltreise so viel Persönlichkeit bewiesen hat und heute die Konsequenz aufbringt, auf der „optionsreduzierenden“ Insel Spiekeroog zu leben. Zudem gebe ich neidvoll zu: Diese Frau versteht es wirklich, unterhaltsam und klug zu schreiben.

Unter dem Strich bin ich zuversichtlich, dass die meisten Leser unter den 10 Lebensskizzen einige finden werden, die ihnen Freude bereiten. Dennoch hätte man meiner Ansicht nach besser daran getan, auf Polarisierung zu verzichten. „Inspiration“ und Kampf gegen die Hälfte der Menschheit passen nicht zusammen. Wirklich große Leistungen kommen immer aus dem Interesse an der Sache und nie aus verkrampften Siegeswillen. Warum also nicht über der Sache stehen und sich nicht auf Frauen beschränken?

Ein zweiter Vorschlag wäre, zumindest einige Artikel auch MenschInnen – man verzeihe mir die kleine Stichelei – zu widmen, bei deren Karriere der Begriff „Himmelsstürmer“ nicht zu diskutieren wäre. Es gibt doch auch in der besseren Hälfte der Bevölkerung einige, die nur den Arm ausstrecken brauchen, um Gott zu fühlen…

Ich denke da nicht mal an die angeblich mächtigste Frau der Welt – sondern an die tatsächlich mächtigste Frau Deutschlands, deren atemberaubender Lebensweg von einer Telefonistin zum gefürchteten Medienmogul geführt hat.

Ich denke an die großartige Sängerin, lange Zeit in Köln zuhause, die sich aus einer Prügelehe befreit hat und in unbändigem Lebenswillen zu grandiosem Welterfolg und – wenn es stimmt, was man liest – persönlichem Glück gefunden hat; völlig ohne Hilfe irgendwelcher AktivistInnen.

Ich denke nicht zuletzt auch an die große Choreografin, die es vollbracht hat, aus einer finsteren Ruhrpott-Provinzbühne DIE Hochburg moderner Tanzkultur zu zaubern.

Etwas mehr Offenheit und eine größere Bandbreite – das ist es, was ich mir gewünscht hätte.

Gefallen hat mir das umfangreiche Personen-Register am Ende des Buchs. Als Meilenstein unter Büchern dieser Art muss man aber wohl eher die „Begegnungen“ von Gero von Böhm loben. Da könnten wohl nicht nur weibliche Autoren noch menschlich, stilistisch und journalistisch ein wenig dazulernen. Beiden Büchern gemein ist leider jedoch das unverständliche Defizit, auf Abbildungen der interviewten Damen und Herren zu verzichten.

Ansonsten liefern – soweit ich das als Mann beurteilen kann – die „Himmelsstürmerinnen“ vermutlich schon speziell feministischen Frauen die „Inspiration“, die sie sich von diesem Buch erhoffen. Auf diese Zielgruppe bezieht sich auch die abschließende Gesamtwertung. Die eingangs erwähnte, von Konfrontation wegführende Ausrichtung könnte wohl eher von Autoren umgesetzt werden, die selbst über der Geschlechterfrage stehen.